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"Und ich dachte schon, ich hasse Menschen." Ja, das hat sie gesagt.
"Ja, das habe ich auch so gedacht." Das habe ich dann gesagt.
Aber wie kam es dazu? Und warum erzähle ich dir das?
Du musst nicht bis zum Ende hören. Ich verrate dir jetzt schon die Antwort: Weil das ein zentraler Aspekt der von mir so genannten Zu-Viel-Dynamik ist. Wenn wir denken, dass wir Menschen hassen.
Lasst uns das im Folgenden ein bisschen genauer betrachten.
Wenn du das auch manchmal denkst, dann bist du sicherlich mit dem Wort für dieses Phänomen bekannt.
Die Misanthropie. Ein schönes Wort eigentlich.
Ganze Philosophenriegen haben es als Lebensaufgabe betrachtet, sich damit zu beschäftigen.
Und wir finden es auch irgendwie lustig. Also ich zumindest. Ich habe auch die Tendenz, mich einfach darüber lustig zu machen. Und es gibt ein Lied, ein richtig schönes: "Fickt euch Allee" heißt das. Ist von Grossstadtgeflüster. Da singen sie: Mach Urlaub in den Misanthropen.
Und das Lustigmachen ist wirklich ein Versuch, diesem Empfinden nicht zu verfallen. Und gleichzeitig sind die Misanthropen kein guter Ort, um Urlaub zu machen.
Ich habe dieses Lied übrigens in Dauerschleife gehört, als ich hier in mein Auenland gezogen bin.Während ich hier die Hütte hübsch gemacht habe und alle Böden rausgerissen und die Wände irgendwie – naja, da lief das Lied bis der Akku der Box leer war.
Und diese Zeit, wo ich das Lied rauf und runter gehört habe, war keine, in der ich mir über das Ausmaß der Zu-Viel-Dynamik bewusst war oder überhaupt über das Vorhandensein der Zu-Viel-Dynamik.
Da lief alles – eigentlich alles war irgendwie schön und aufregend und voller Möglichkeiten und voller Tätigkeiten. Und ich wusste nicht so genau, was das werden wird, mein Leben. Aber ich wusste, dass es gut wird und schön und wahr. Und das wurde es auch. Erstmal.
Die Zu-viel-Dynamik als Roter Faden meines Lebens ist immer da gewesen.
Ich bin immer an fremde Grenzen gestoßen, sobald ich so war, wie ich war.
Und zu der Zeit, wo ich hierher gezogen bin, da war das so eine unterschwellige Grundmelodie – die Zu-Viel-Dynamik. Aber da waren meine Fähigkeiten noch geringer ausgeprägt und es gab einfach mehr Passung im Außen. Da hießen meine Seminare nicht "Zu-viel-Dynamik" oder "beyondFEAR". Da hießen sie "Kommunikation im Alltag" oder "Konflikt" oder "Motipulation – eine Mischung aus Manipulation und Motivation". Das waren so die Themen, zu denen ich gearbeitet habe, und da gab es einfach viele Andockpunkte im Außen.
Und dann wurde ich immer mehr Ich. Und dann nahm die Zu-Viel-Dynamik ihren Lauf. Aber das hat ein bisschen gedauert. Also zu dem Zeitpunkt kein Grund eigentlich für Misanthropie.
Als ich mich hier mit dieser Episode beschäftigt habe, fragte ich mich selbst: Braucht es eigentlich einen Grund? Und da wurde es dann interessant. Bei dieser Fragestellung wurde es interessant für meinen Kopf, für mein Hirn.
Denn dann ist mir bewusst geworden: Wenn wir nach Gründen fragen, dann lenken wir unseren Blick reflexhaft ins Außen. Sobald wir fragen „Was ist der Grund dafür?" – zack, gucken wir nach draußen, außerhalb von uns.
Wir suchen dann in anderen Menschen oder in Situationen, die außerhalb unseres inneren Erlebens stattfinden, wenn wir nach Gründen suchen.
Und die Suche nach Gründen scheint mir wie eine Never-ending-Story zu sein. Denn es gibt ja unzählige, unzählige, unzählige Gründe dafür, Menschen zu hassen. So, rein objektiv betrachtet.
Was könnten Gründe sein? Weil sie dumm handeln. Aus unserer Sicht. Oder weil sie Sachen machen, die keinen Sinn machen. Aus unserer Perspektive. Oder weil sie etwas sagen und ganz offensichtlich einfach genau das Gegenteil davon tun. Aus unserer Perspektive. Das ist alles außerhalb von uns. Ja, mag sein, dass das die Gründe sind, aber es sind alles Themen, die außerhalb unserer Verantwortung liegen.
Und doch sind wir es dann, die am Ende diese Misanthropie mit uns herumtragen.
Und es ist eine ziemliche Last! Und deshalb lass uns den Blick von den Gründen im Außen auf die Ursachen im Inneren lenken. Das ist aus meiner Sicht sehr viel wirkungsvoller zu betrachten.
Jetzt kommt der Kern. Das ist jetzt wichtig: Nach meinen bisherigen Erkenntnissen ist die Misanthropie die Endstation der Zu-viel-Dynamik.
Wenn wir uns auf die Reise der Zu-viel-Dynamik begeben und da lange in diesem Zug sitzen, dann ist das die Destination. Das ist das, wo wir landen. Und lass uns verstehen, wieso das eine blöde Idee ist. Sowohl im Ursprung als auch im Ergebnis ist die Misanthropie eine ziemlich, ziemlich unglückliche Idee.
Also lasst uns erstmal verstehen, wie Misanthropie definiert ist. In drei Schlagworten können wir die Misanthropie – also das Gefühl „Ich hasse Menschen", „Ich verzweifle an der Menschheit" – beschreiben:
Wenn wir also auf diese kurze definitorische Eingrenzung schauen, dann können wir feststellen: Misanthropie ist die Zu-Viel-Dynamik in Perfektion. Die Destination der Zu-Viel-Dynamik-Reise. Also laut Definition. Kein schöner Ort, die Misanthropen.

Lass uns jetzt auf die Ursachen gucken. Wie kommt es überhaupt zu diesem Endpunkt?
Schritt 1: Die Varietäts-Diskrepanz
Der erste Schritt auf dem Weg dorthin, auf dem Weg in die Misanthropen – der Startpunkt quasi vom Endpunkt – ist die Varietäts-Diskrepanz. Deswegen reite ich da so drauf rum auf diesem Begriff der Varietät, weil das der Zugang ist zum Übel. Sowohl der Zugang zum Übel als auch der Zugang zur Erleichterung und zur Lösung, wenn wir uns anfangen damit zu beschäftigen.
Also: Varietäts-Diskrepanz passiert dann, wenn ein Individuum mehr sieht, komplexer oder vielschichtiger denkt und differenzierter fühlt, als seine Umwelt es zulässt – als die Umwelt Schubladen für dieses Sehen, Denken und Fühlen hat. Das ist der erste Schritt. Wenn in dir viel mehr los ist als das Außen sehen kann.
Schritt 2: Das Missverständnis
Dieser erste Punkt, die Varietäts-Diskrepanz, führt dann in die zweite Phase: das Missverständnis. Die Ideen, die also aus dieser erweiterten Wahrnehmung entstehen, werden abgelehnt, weil es dafür keine Schubladen gibt. Sie haben keine Andockpunkte. Und die Ideen, die abgelehnt werden – sie werden nicht abgelehnt, weil sie qualitativ minderwertig sind, sondern wegen der Andersartigkeit.
Und weil du eben so bist im Denken, im Wahrnehmen, im Fühlen, im Sprechen und in allem – weil du eben so bist, wie du bist und in diese ganzen Schubladen nicht passt – wirst du abgelehnt. Wegen der Andersartigkeit. Das führt im besten Fall zu Einsamkeit, obwohl du unter Menschen bist. Im schlechtesten Fall zu existenziellem Schmerz – dem existenziellen Schmerz der Andersartigkeit.
Schritt 3: Die paradoxe Anpassung
Dieses Missverständnis aus der Andersartigkeit heraus führt uns dann in die dritte Phase: die Phase der paradoxen Anpassung. Die paradoxe Anpassung entsteht aus diesem Missverständnis. Wir versuchen dann irgendwie, diese Lücke zu schließen. Das Individuum geht dann auf Distanz und zeigt als Resultat einfach weniger von sich. Ganz logisch. Wir zeigen dann den Teil, der zu den Missverständnissen geführt hat, nicht mehr – der bleibt ungezeigt, den behalten wir für uns, der bleibt verborgen.
Und das Blöde ist ja, dass das der eigentlich interessante, andersartige Teil ist, den wir dann nicht zeigen. Der Mensch geht auf Distanz – nicht weil die Distanz so total attraktiv ist, sondern weil die Nähe, also das Sich-Zeigen, eben in diese missverstandene Anpassung führt. Und aus dieser Diskrepanz entsteht der Rückzug.
Schritt 4: Die Pauschalisierung
Das führt dann in die nächste Phase – in die Programmphase sozusagen. Die wiederholte Erfahrung dieser drei Phänomene – Varietäts-Diskrepanz als erstes, das Missverständnis als zweites und die daraus resultierende paradoxe Anpassung als drittes – diese drei Elemente nehmen wir und packen die zusammen zu einer generalisierten Überzeugung: Die Menschheit als Ganzes ist selbstzufrieden, ist unaufrichtig, auf den eigenen Vorteil zum Nachteil von anderen bedacht – und und und und und. So verpacken wir das in Gründe für diese Abneigung.
Schritt 5: Die verfestigte Weltanschauung
Das führt dann zum fünften und letzten Schritt: Irgendwann verfestigt sich dann diese innere Haltung zu einer gesamten Weltanschauung. Diese Weltanschauung können wir dann zwar lustig auf Tassen schreiben, wo dann drauf steht „Ich hasse Menschen. Aber Steine. Steine sind okay." oder irgendwie sowas. Also, da kann ich auch richtig gut drüber schmunzeln. Aber am Ende ist es schon k@cke, weil das dann nicht über das Phänomen an sich hinwegtäuschen kann. Das innere Erleben bleibt das innere Erleben. Egal wie viel Zynismus und so weiter wir drüber packen.
So, und die Moral von der Geschicht? Das Gefühl, Menschen zu hassen, das können wir auch als gescheiterte Menschenliebe in der Zu-Viel-Dynamik beschreiben. Misanthropie ist gescheiterte Menschenliebe. Ganz schön Kitschig. Dann doch lieber die Tasse mit den Steinen ;)
Und das ist eine komplett paradoxe Geschichte!!!
Es ist komplett paradox und es macht für niemanden Sinn. Denn – und das ist krass, krass, krass – im Ursprung sind die Menschen, die in die Distanz gehen, nämlich Menschen mit der höchsten Sehnsucht nach echter Verbindung, nach Tiefe, nach Augenhöhe, nach gemeinschaftlicher Entwicklung und nach Ausdruck dessen, was sich im Inneren bewegt.
Und die Misanthropie ist dann ein Ausdruck von Erschöpfung.
Ein Ausdruck von Erschöpfung von der gestörten Passung – von dem Missverständnis und von der Anpassung. Wenn du also immer öfter und intensiver das Gefühl hast, Menschen zu hassen, dann ist das ein Symptom für die Zu-Viel-Dynamik. Das ist dann die gescheiterte Menschenliebe.
Es ist ein Muster. Und die Misanthropie ist ein Symptom für dieses Muster.
Und du kannst dich da dann auch ein bisschen aufhalten. Und ganz sicher bist du damit nicht allein – sind richtig, richtig, richtig viele Menschen da in den Misanthropen unterwegs. Also echt in großer Gesellschaft.
Wenn du dann keine Lust mehr hast, wenn du dann erschöpft bist von dieser Erschöpfung, die wir da spüren in den Misanthropen – dann fang an, Passung herzustellen. Und denk an diese fünf Schritte, diese fünf Schritte, die wir uns hier heute angeguckt haben:
Der Startpunkt vom Endpunkt ist die Varietäts-Diskrepanz. Die nächste Phase ist das Missverständnis. Darauf folgt die paradoxe Anpassung. Dann entsteht daraus ein Programm für das Alltagserleben, eine Pauschalisierung. Und irgendwann haben wir das dann als innere Haltung und Weltanschauung verfestigt.
Das ist etwas, das wir gelernt haben – und das können wir umlernen. Wir können das umlernen. Ich nenne diesen Prozess des Umlernens dieser fünf Schritte: Passung herstellen. Und darum dreht sich hier eigentlich alles. So die nächsten Wochen und Monate und vielleicht auch Jahre.
Passung herstellen ist cool und komplex, und es gibt keine Abkürzung. Es gibt für komplexe Zusammenhänge keine einfachen Lösungen – zumindest habe ich keine kennengelernt und keine gefunden. Also Passung ist die einzige Lösung für dieses relationale Problem.
P.S.: Raus da!
Wenn wir uns in den Misanthropen aufhalten: Raus da! Raus da! Raus da! Auch wenn es ein bisschen unterhaltsam ist – aber es ist verzweifelt unterhaltsam.
Hast du gedacht, du gehst locker und leicht aus dieser Episode raus? Nein. Aber demnächst. Also. Bis bald.
Dieser Blogscast hat dir EINE Perspektive auf die Veränderungsregie gezeigt.
Aber wie hängt das alles zusammen? Du fragst dich, was die Zu-Viel-Dynamik, Varietäts-Diskrepanz und Passung eigentlich miteinander zu tun haben?
Im kostenlosen Video-Impuls erkläre ich dir, wie diese Konzepte zusammenhängen – und warum das Verstehen dieser Zusammenhänge der erste Schritt aus der Erschöpfung ist.
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