Verbindungen und Erwartungen // unperfekt!challenge // Woche 4/10

Sag mal, geht´s noch? 

Hey, was für eine Rückmeldung ca. 10 Minuten nachdem ich am vergangenen Freitag auf Senden geklickt habe. Darüber war ich verwundert. Mein Freund (nennen wir ihn) Herbert hängt im Ausland fest, müsste jetzt aber eigentlich in der Firma sein … präsent sein … für die Mitarbeiter da sein. Ein Mensch, der für Ärmel hoch krempeln und Neues ausprobieren steht kann das nicht mehr tun. Ihm sind die Hände gebunden. 

Ich solle mich kürzer fassen, auf den Punkt kommen, die Leute nicht so vollsülzen, diesen Unperfekt-Mist sein lassen, die Menschen müssen jetzt aufwachen und ins Handeln kommen … keiner hat Zeit sich solche langen Mails durchzulesen … und Bock auch nicht, und sowieso auch Wichtigeres zu tun. Mein Hinweis, er könne sich ja einfach austragen oder die Mail löschen hat die Situation nicht gerade deeskaliert ;D Ich solle mich dem realen Leben stellen war die Antwort. Normalerweise würde ich mir denken: "Geh in die Wüste, staubsaugen!" und den Kontakt aus dem Verteiler löschen. Aber Herbert ist mein Freund, ich habe mich auf ihn eingelassen und mich mit ihm dazu auseinander gesetzt. Eigentlich haben wir uns am Telefon angeschrien, in der festen Gewissheit, dass diese Verbindung das halten kann. 

Es ist ein wunderbarer Brief geworden. Kurzweilig geschrieben, kein Satz war zu viel und ich habe eine klare Botschaft verstanden. 

Diese Rückmeldung kam kurz nach dem Telefonat mit Herbert … und zwar von Sunla. Darüber war ich fast noch mehr verwundert. Botschaften à la Herbert kommen sonst von Sunla! Sie kürzt meine Sätze und überhaupt alles normalerweise bis auf die letzten Stoppeln runter: Das interessiert niemanden. Du wiederholst dich. Das sind überflüssige Infos. Das lenkt vom Thema ab. Und so … Natürlich immer konstruktiv ;) 

Zwei Rückmeldungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von Menschen, die sich ziemlich ähnlich sind. 

Natürlich nehme ich positive und bestärkende Worte gern an. Obwohl das ehrliche Anschreien am Telefon auch ganz gut getan hat und deutlicher in Erinnerung geblieben ist. Hätte ich dich nach deiner Einschätzung gefragt, wäre wahrscheinlich irgendwas dazwischen raus gekommen. 

Aber wer hat dann recht? Wessen Erwartung sollte für mich und diese Mail hier als Orientierung dienen? 

Möglicherweise ist genau das die Challenge, die wir alle gerade (die meisten unfreiwillig) durchlaufen: Erwartungen erfüllen zu müssen oder zu wollen ist auf einmal irrelevant geworden. Warum? Weil sich der Blick in dieser Zeit verschoben hat und somit die Erwartungen.

Zu viele Anfragen, Termine, Aufgaben, Informationen und zu erfüllende Ziele war unser gewohntes Vorgehen. So viele, dass wir nie fertig wurden. Ich habe keine Zeit mir zehn Minuten einen Text durchzulesen … ich gebe dir zwei Minuten, denn ich muss fünf Texte schaffen. Uns in diesem Wahnsinn nicht zu verlaufen, war unsere Herausforderung. Die Orientierungsfunktion darin haben die Erwartungen übernommen. Erwartungen von Kunden, Mitarbeitern und dem gesamten Umfeld zu erfüllen hat unsere Zeit eingeteilt. Schnell nochmal die Mail beantworten, bevor ich mich ins Auto setze um zum nächsten Termin zu fahren. Auf der Fahrt werde ich dann noch zwei Telefonate führen.

Auf einmal steht uns dieses Vorgehen nicht mehr zur Verfügung. Wir kennen aber nur dieses. Und so heulen und winden und schlagen wir um uns weil wir nicht mehr wissen, welche Erwartungen wir zu erfüllen haben. Wir haben uns heimisch eingerichtet im Erledigungsstress und Kontrollzwang. Und dann wurden wir aus dieser Komfortzone raus geschubst, in einen Bereich, wo so viel Ungewissheit herrscht, dass uns nichts weiter übrig bleibt, als ruhig zu bleiben. Ruhig bleiben. In der festen Gewissheit, dass unsere Geschäftsverbindungen das halten können.

Aber wohin darf sich unser Blick wenden, jetzt wo wir zur Ruhe verdonnert sind? Ich richte meinen Blick auf das, was mir als wesentlich erscheint: Was ist meine Erwartung an mich? An meine (künftigen) Verbindungen? Was bestimmt das Wesen meiner Angebote? Wie kann ich meiner Erwartung an mich gerecht werden? Tja, da kann nur etwas Unperfektes bei raus kommen. Denn wir dürfen lernen, unsere eigenen Erwartungen ins Blickfeld zu rücken. Und die sind dann sehr wahrscheinlich perfekt genug :) 

Wohin richtest du deinen Blick aus dieser vollkommen ungewissen und ungewohnt ruhigen Zone?

Ich wünsche dir tragfähige Verbindungen und einen erwartungsvollen Blick auf deinen veränderten Weg. Bis Freitag.

Katharina

P.S.: Du fragst dich vielleicht, was Sunla in dieser Challenge-Woche gemacht hat. Da ihr der gewohnte Weg verwehrt blieb, hat sie sich auf etwas eingelassen und wie aus Versehen noch einen weiteren Weg gefunden. Aber schau einfach selbst (besonderes Augenmerk auf Yin Yang): https://sunlamahn.com/referenzen/ Ich würde sagen, das Ergebnis ist perfekt.


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